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Die Friedhöfe am Halleschen Tor

(Haupteingang: Mehringdamm 21)
- Entstehungsgeschichte -

Das Gründungsdatum der Friedhöfe vor dem Halleschen Tor kann heute nicht mehr genau festgestellt werden. In der Literatur wird im allgemeinen auf eine Schenkung Friedrich Wilhelms I. im Jahre 1735 verwiesen, der das Gelände außerhalb der damaligen Stadtmauern durch den Magistrat an die Friedrichstädter Gemeinden überweisen ließ. Es gibt jedoch verschiedene Hinweise, die auf einen früheren Beginn der Bestattungen (ab 1732) dort schließen lassen könnten.

Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten der Gemeinde der Jerusalems- und Neuen Kirche die Kirchhöfe in der Friedrichstadt als Begräbnisplätze gedient. Die enorme Vergrößerung der Siedlungsflächen in der Folgezeit, insbesondere die Anlage der südlichen Friedrichstadt 1732 - 1738 und das damit verbundene rasche Anwachsen der Bevölkerung machten die Zustände auf den Bestattungsflächen in der Stadt jedoch unhaltbar. Inzwischen waren auch noch zwei weitere Kirchengemeinden in der Friedrichstadt entstanden: die seit 1732 aus Böhmen eingewanderten Glaubensflüchtlinge konnten 1737 ihre Bethlehemkirche einweihen; zwei Jahre später wurde die Dreifaltigkeitskirche fertiggestellt.

Die neuen Begräbnisstätten vor dem Halleschen Tor - der größte Teil des Geländes gehörte der Jerusalems- und Neuen Kirche, kleinere Flächen standen jeweils der Dreifaltigkeits- und Bethlehemkirche zur Verfügung - wurden von der Bevölkerung zunächst wegen ihrer Lage und wegen des hohen Grundwasserstandes abgelehnt und als Armenfriedhof bezeichnet. Auch nach einer ersten Erweiterung im Jahre 1755 - die böhmische Gemeinde hatte bereits 1746 einen Teil ihres Areals zugunsten der Herrnhuter Brüdergemeine abgetreten - glichen die Friedhöfe aufgrund der notdürftigen Bestattungen eher einem Sturzacker oder Stoppelfeld als einer planmäßigen und gepflegten Anlage.

Dies änderte sich allmählich, nachdem die gesamte Friedhofsanlage 1767 eine feste Mauer aus Kalksteinen samt einem kunstvollen Portal erhalten hatte. Das Anlegen von Wegen und Alleen, das Pflanzen von Bäumen und nicht zuletzt der Wandel der Bestattungsbräuche mit dem Aufstellen von Grabmälern veränderten das Friedhofsbild.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde eine weitere Ausdehnung des Geländes erforderlich; Friedrich Wilhelm II. hatte 1794 ein generelles Beisetzungsverbot in Kirchen und bewohnten Gegenden erlassen. Die Gemeinden der Jerusalems- und Neuen Kirche und der Dreifaltigkeitskirche erhielten 1796 bzw. 1798 südlich angrenzende Flächen, die kurze Zeit später jeweils separat mit einer Mauer umgeben und an deren Verlauf größere Erbbegräbnisse angelegt wurden. Auf beiden Friedhöfen wurden Leichengewölbe gebaut, wie schon zuvor auf dem ersten Kirchhof der Jerusalems- und Neuen Kirche. Überhaupt waren die Gemeinden in den folgenden Jahren bestrebt, die neuen Friedhofsteile bewußt zu gestalten und sich dabei Einnahmequellen zu sichern. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden dann alle Friedhöfe mehrfach belegt und dabei verändert, zum Teil auch abgeräumt. Erbbegräbnisse wurden nun auch an den innenliegenden Wegen vergeben, Belegung und Nutzung systematisiert und Gebührenordnungen festgelegt.

Im Jahre 1819 wurde der dritte Kirchhof der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde auf einem trapezförmigen Grundstück, westlich der alten Friedhöfe und bis an den heutigen Mehringdamm heranreichend, eingerichtet. Dieser entwickelte sich zwischen 1820 und 1837 zum hauptsächlich genutzten Begräbnisplatz vor dem Halleschen Tor und war bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit Reihengräbern gefüllt. Die Käufer von Erbbegräbnissen wurden verpflichtet, gleichzeitig mit ihren Grabbauten die Umfassungsmauern zu errichten, und als 1863 das letzte freie Wandgrab verkauft war, wurden auch hier auf der innenliegenden Fläche Erbbegräbnisse vergeben. Ein Gittertor mit massiven Pfeilern bildete neben dem 1839 eingeweihten "Leichen- und Rettungsgebäude für Scheintodte", der heutigen Kapelle, den Eingang zur Belle-Alliance-Straße (Mehringdamm).

Die Erweiterung des böhmischen Friedhofs im Jahre 1827 in der Ecke zwischen dem bisherigen böhmischen und dem dritten Kirchhof der Jerusalems- und Neuen Kirche war die letzte Vergrößerung des Friedhofsareals. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Friedhöfe vor dem Halleschen Tor vom enormen Wachstum Berlins eingeholt: das umliegende Gebiet entwickelte sich zu einem dicht besiedelten Wohnquartier mit geschlossener Bebauung; die noch vorhandenen Leichengewölbe wurden zwischen 1880 und 1889 zu Kapellen umgebaut.

Verschiedene städtebauliche Vorhaben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die die Friedhöfe betroffen hätten, wurden nicht realisiert, jedoch veränderten die schweren Kriegsschäden, der Bau der Amerika-Gedenkbibliothek (1952 bis 1954) auf dem ehemaligen Blücherplatz nördlich der Friedhöfe und schließlich der Durchbruch der Blücherstraße Anfang der 70er Jahre die Friedhofsanlagen in erheblichem Maße. Die Nordmauer samt Eingangsportal, Denkmälern und Erbbegräbnissen wurde abgetragen, und als zum Ausgleich nördlich des dritten Kirchhofs der Jerusalems- und Neuen Kirche eine etwas kleinereFläche hinzukam, führte dies zum Abriß auch der dortigen Nordwand. Der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine ging hierbei nahezu vollständig verloren. Nur das Portal und einige wenige, willkürlich vor die heutige Formsteinmauer verlegte, Reihen von Gräbern - andere waren umgebettet worden - erinnern an den ehemaligen Friedhof.

(Peter Marock)


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