Annedore Leber
geb. 13.3.1904 Berlin
gest. 28.10.1968 Berlin
Schneiderin, Widerstandskämpferin
Waldfriedhof Zehlendorf
Abt. XVI W 701-702
Den ersten von vielen - noch auf sie zukommenden - Umzügen erlebte Annedore Leber, geb. Rosenthal, als Kleinkind, als ihr Vater sich beruflich von Berlin nach Lübeck veränderte, wo er eine Stelle als Oberstudiendirektor antrat. In Lübeck ist sie auch aufgewachsen. Doch das bürgerliche Elternhaus konnte sie nur bis zum Abitur halten. Danach zog es sie nach München, wo sie ein Jurastudium begann. Sie merkte schnell, daß sie für praktische Dinge mehr Interesse aufbrachte und entschied sich, in Berlin Schneiderin zu lernen. Hier traf sie Julius Leber wieder, den sie aus Lübeck bereits kannte. Aus diesem Treffen wurden schnell regelmäßige Verabredungen. Im Juli 1927 fand die offizielle Verlobung statt und im November desselben Jahres die Hochzeit, wieder "daheim" in Lübeck. Hier wurden auch ihre Kinder Katharina und Mathias geboren. Die Trauung hatte Annedore wohl gegen den Willen der Eltern durchgesetzt. Auch im persönlichen Umfeld schätzte man diese Verbindung ironisch als "Kampf der roten und der weißen Rose" ein.
Annedore Leber löste sich geistig-politisch vom Elternhaus und begann sich mehr mit den politischen Zielsetzungen ihres Mannes zu identifizieren. Der kommentierte diese Wandlung, indem er sie - in vielen Briefen nachzulesen - fortan mit "Paulus" anredete.
Krisen zwischen den Eheleuten Leber und die zwischen Annedore und ihrem Elternhaus führten hingegen nie zu einem vollständigen Bruch und waren unbedeutend, als der Nationalsozialismus zum gemeinsamen Feind der Lebers und der Rosenthals wurde. Und wie wichtig dies war, sollte sich bald zeigen. Nach HitlersMachtübernahme konnten die Lebers nur unter dem Schutze einer Reichsbannerwache in ihrem Lübecker Haus weiterwohnen. Die Kinder waren sicherheitshalber bei den Eltern untergebracht. 1935 war sie zurück nach Berlin gekommen, um für die Freilassung ihres Mannes zu kämpfen. Sie erreichte, daß er, nach seiner Verhaftung am 31. Januar 1933, noch einmal für kurze Zeit auf Bewährung entlassen wurde, aber vom 23. März 1933 bis Mai 1937.blieb er in Haft. In dieser Zeit konnte sie sich mit Schneidern das Nötigste zum Lebensunterhalt verdienen. Zudem mußten noch Gerichtskosten bezahlt werden, und das Wissen um die grausamen Haftbedingungen ihres Mannes dürfte ihren Kampf um ihn noch kräftezehrender gestaltet haben. Beide haben diese Zeit ungebrochen überstanden. Doch auch in den folgenden Jahren hatte Annedore Leber ein Gutteil der Lebenshaltungskosten der Familie aufzubringen. Die Kohlenhandlung, die ihr Mann seit seiner Entlassung betrieb, warf nur wenig ab und diente zudem als Tarnung für die Widerstandsarbeit, die sich anfangs auf den engen sozialdemokratischen Freundeskreis beschränkte. Im Sommer 1943, nach dem letzten gemeinsamen Urlaub, hatten die Eheleute Leber entschieden, alles zu wagen und den Widerstand auf eine breitere Basis zu heben.
Am 5. Juli 1944, also kurz vor dem geplanten Attentat auf Hitler, wurde ihr Mann erneut in Haft gesetzt. Auch Annedore wurde für sechs Wochen inhaftiert, schaffte es aber, ihren Mann noch mehrmals im Konzentrationslager zu besuchen, bevor dieser am 5. Januar 1945 hingerichtet wurde. Seine letzten Briefe an sie zeugen von einer großen Liebe zwischen den Eheleuten.
Annedore Leber überlebte und brachte bis zu ihrem Tod die Kraft auf, nicht zu verdrängen, sondern als Autorin und Verlegerin für ihre und ihres Mannes Ideale aktiv zu bleiben. Sie liegt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf begraben.Werke: Den Toten Immer Lebendigen Freunden - Eine Erinnerung zum 20. Juli 1944, o.O., o.J.; Das Gewissen steht auf, Berlin, Frankfurt/M 1954; Für und Wider - Entscheidungen in Deutschland 1918 - 1945, 1961; Das Gewissen entscheidet, Berlin, Frankfurt/M 1963
(Klaus Rediger)
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