"Unglaubliche Geschmacklosigkeit"
Paul Mebes: theoretische Schriften
"Manchmal traf ich unter all dem charakterlosen Zeug auf ein einzelnes Zimmer aus der Zeit unserer Großeltern. Oft war es auch nur ein Sofa, ein Schrank oder eine Lampe, die aus jener Zeit stehengeblieben waren,- sie erfreuten mein Auge, redeten in ihrer Vereinsamung eine beredte Sprache ..."(Mebes, Paul: Um 1800, München 1908, S. 11)
So schilderte Paul Mebes in der Einleitung zu seinem reich bebilderten Buch "Um 1800, Architektur und Handwerk im letzten Jahrhundert ihrer traditionellen Entwicklung" die Suche nach dem formschönen Design des Biedermeiers. Engagiert vertrat er die Notwendigkeit, das Bau- und Einrichtungswesen zu erneuern, da die Bauten und Einrichtungen selbst wohlhabender Zeitgenossen jedes künstlerische Empfinden vermissen ließen. Zudem vertrat er die Meinung, daß die einfachen kubischen Formen des Biedermeiers für die moderne Industrie- und Stadtarchitektur geeigneter wären als der Jugendstil und die im Historismus aufgegriffenen gotischen Formen.
Mebes Streitschrift führte zu einer kontroversen Diskussion unter den Kunstschaffenden im deutschsprachigen Raum und sorgte für seine Bekanntheit als Architekturtheoretiker. Mebes Urteil - von vielen geteilt - förderte die Hinwendung der deutschen Architekten zu einfacheren, später ins monumentale gehenden neoklassizistischen Formen. Die Architekten Peter Behrens, Paul Bonaz, Paul L. Trost und Paul Schultze-Naumburg vertraten diese Richtung. Hermann Muthesius und Walter Gropius fühlten sich bestärkt in ihrer Forderung nach einer standardisierten deutschen Architektur.
Eines der wenigen aus Berlin stammenden Beispiele, die Mebes in sein Buch aufgenommen hatte, war das Haus Pasewaldt in Zehlendorf. "Ruhig und stattlich lagert an der schönen mit alten Bäumen besetzten Dorfstraße in Zehlendorf das Guts- und Herrenhaus Pasewalk, noch heute eine Zierde des aufstrebenden Berliner Vororts. Leider haben sich die hier in letzter Zeit zahlreich entstandenen neuen Landhäuser herzlich wenig von der gesunden Sachlichkeit diese alten Hauses beeinflussen lassen." (ebd. S. 20)
1928 mußte das Gebäude an der Berliner Straße Ecke Hauptstraße (heute Clayallee) der Verbreiterung der Reichsstraße 1 weichen. Mebes` Einschätzung hatte zu dieser Zeit kein Gewicht mehr. Neue Bauformen hatten sich durchgesetzt.(Kirsten Janke)
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