Erich Mühsam
* 6.4.1878 Berlin
gest. 10.7.1934 KZ Oranienburg
Schriftsteller, Politiker
Waldfriedhof Zehlendorf
Ehrengrab Feld 015 - 479 (Abt. 2 A 144)
Nun, Mühsams Biographie berührt diese Zentren, er nimmt teil, er ringt in und mit der Öffentlichkeit um den richtigen Weg, er wird von den Nationalsozialisten ermordet, weil er keinen Fußbreit von der für richtig erkannten Richtung preisgeben kann. Unmittelbar nach der Geburt des Sohnes Erich 1878 zieht die Familie des jüdischen Apothekers Siegfried Seligmann Mühsam nach Lübeck. Widerwillig dem Wunsch des Vaters nachkommend, wird Erich Mühsam zunächst Apothekergehilfe und arbeitet auch vier Jahre in diesem Beruf, bevor er sich von der Familie, von der Provinzstadt löst und 1900 nach Berlin geht, um 'freier Schriftsteller' zu werden. Von den Künstlergruppen, die für Mühsam wichtig werden, ist vor allem die Neue Gemeinschaft zu nennen, eine aus der Berliner Bohème hervorgegangene Gruppe um die Brüder Heinrich und Julius Hart, die eine Lebensgemeinschaft mit dem Ziel gründete, "eine allbeglückende Kultur in sozialer, ethischer und ästhetischer Beziehung zu ermöglichen".
Von Heinrich Hart erfährt Mühsam denn auch die Ermutigung, den ungeliebten Apothekerjob gegen die ungesicherte Existenz eines freien Autors einzutauschen. Er taucht in das Berliner Bohèmeleben ein und wird eine bekannte Erscheinung in der Literatur- und Anarchistenszene, vor allem "durch seine im Volkston geschriebenen Gedichte..., in denen er seiner Liebe zum Leben und seinem leidenschaftlichen Haß gegen alles Autoritäre, gegen die bürgerliche Gesellschaft, ihre Institutionen und verlogene Moral...Ausdruck" verleiht. Über die verschiedenen Künstlerzirkel lernt er u.a. Else Lasker-Schüler, Bruno Wille, Gustav Landauer, den er "sein Leben lang als seinen Lehrer betrachtete" und Peter Hille kennen, mit dem ihn bald eine innige Freundschaft verbindet.
Nach seinen "Wanderjahren", 1904 bis 1909, läßt er sich in München-Schwabing nieder. "Kabarettätigkeit, Theaterkritik, schriftstellerische Tätigkeit, meist polemisch-essayistisch. [...] Drei Gedichtbände, vier Theaterstücke; 1911 bis 1914 Herausgeber der literarisch-revolutionären Monatszeitschrift Kain. Zeitschrift für die Menschlichkeit. [...] Mit diesen Mitteilungen wäre meine Biographie erschöpft, wenn ich mein Leben allein in meinen literarischen Leistungen charakterisiert sähe. Aber ich betrachte meine schriftstellerische Arbeit ... nur als das Archiv meiner seelischen Erlebnisse, als Teilausdruck meines Temperaments. Das Temperament eines Menschen ist die Summe seiner Stimmungen, die Hirn und Herz von den Ausströmungen der Umwelt empfangen. Das meinige ist revolutionär. Mein Werdegang und meine Lebenstätigkeit wurden bestimmt von dem Widerstand, den ich von Kindheit an den Einflüssen entgegensetzte, die sich mir in Erziehung und Entwicklung im privaten und gesellschaftlichen Leben aufzudrängen suchten. Die Abwehr dieser Einflüsse war von jeher der Inhalt meiner Arbeit und meiner Bestrebungen." Diese Einheit von Schreiben und politischem Engagement wird umso eindeutiger, als die Erfahrungen der entbehrungsreichen Reisezeit seine Anarchismus-Definition von der eher 'bohèmemäßigen' "Ablehnung jeglicher Herrschaftsform, positiv: die schrankenlose Autonomie des Einzelnen" à la Proudhons hin zu den Werten der Arbeiterbewegung verschiebt: "Solidarität, genossenschaftlicher Geist [...] Die Freiheit eines jeden setzt voraus die Gemeinschaft im Sozialismus".
1910 steht er wegen Agitation des 'Lumpenproletariats' vor Gericht: Er hatte versucht, in den Asyleinrichtungen und Armenküchen die Obdachlosen, die von der Gesellschaft Ausgestoßenen von einem gerechteren, sozialistischen Gemeinwesen zu überzeugen. Als sich im Zuge dieser Orientierung seine Möglichkeiten verringern, Texte und Gedichte zu publizieren, gründet er 1911 selbst die schon erwähnte Zeitschrift Kain. Ein Jahr, nachdem Mühsam die 'Freivermählten' veröffentlicht, heiratet der Autor 1915 Kresczentia Elfinger. Im Januar 1918 wird er nach der Niederschlagung eines Munitionsarbeiter-Streiks verhaftet und zu einem 'Zwangsauffenthalt' nach Traunstein verbracht. Der Ausbruch der November-Revolution beendet auch diese Fremdbestimmung und er stürzt sich begeistert in die Umbruch-Situation: "Selbstverständlich fand mich die Revolution von der ersten Stunde an aktiv auf dem Posten...Mitglied des revolutionären Arbeiterrats...", am 8.11. danken die Wittelsbacher ab - Bayern wird Republik. Die Zusammenarbeit mit Kurt Eisner, USPD-Führer und bayerischer Ministerpräsident bis zu seiner Ermordung am 21.2.1919, gestaltet sich schwierig, aber, so Mühsam in einem Brief vom Dezember 1918 über die unterschiedlichen Ziele "über Zusammengehörigkeit und Kampfgenossenschaft entscheidet Temperament und Gesinnung, aber kein Katechismusglaube"
Die erste Münchner Räterepublik wird erst am 7.4.1919 ausgerufen, und schon wenige Tage später, am 13.4.1919 werden 12 Zentralratsmitglieder, unter ihnen auch Erich Mühsam, bei einem Rechtsputsch verhaftet. Ungeachtet der Tatsache, daß sich die Weißgardisten nicht über den Abend dieses 13. Aprils halten können - ein neuer Zentralrat übernimmt die Macht wenig später - sind die Verhafteten außer Reichweite gebracht und werden im Zuchthaus Ebrach im Steigerwald gefangengehalten. Der Prozeß "gegen Mühsam und Genossen" (so die Akte) kann erst im Juni 1919 stattfinden, es wird auf 15 Jahre Festungshaft erkannt - die Sieger demonstrieren ihre Macht. Die Amnestie, die Hitlers Festungshaft in Landsberg nach wenigen Monaten beendet, führt auch Mühsam nach fast sechs Jahren wieder in die Freiheit, aufgrund verweigerter fachärztlicher Behandlung in Haft ist er auf einem Ohr taub. Schon am Tag nach seiner Freilassung, es ist der 22.12.1924, wird er am Anhalter Bahnhof in Berlin begrüßt: "Zu Tausenden hatten sich die Berliner Proletarier spontan am Bahnhof eingefunden, um Erich zu begrüßen. Ungeheurer Jubel empfing ihn." In den folgenden acht Jahre engagiert sich Erich Mühsam vor allem für die politischen Gefangenen. Seine Schrift "Gerechtigkeit für Max Hölz" einem linksradikalen Revolutionär, der nach den Märzaufständen 1923 im Vogtland verhaftet wurde, führt nach zweijährigen Bemühungen zur Begnadigung des lebenslänglich Verurteilten. Auch sein Eintreten für Sacco und Vanzetti, oder für die 'Not-Verbrecher', also solche, die aus Not und Elend zu strafbaren Handlungen gezwungen seien, wie insgesamt sein Kampf für die "Rote Hilfe" konfrontiert eine eher desinteressierte Öffentlichkeit mit der Situation von Menschen, die aus politischen Gründen verfolgt werden oder die am Rande der Gesellschaft vegetieren, hilflos, ausgesondert.
Daneben wird Mühsam nicht müde, auf die drohende Gefahr durch den Faschismus hinzuweisen. Er versucht, Bündnisse zwischen den einzelnen Gruppierungen angesichts eines gemeinsamen, mächtiger werdenden Feindes anzubahnen, ähnlich erfolglos wie schon zu Zeiten der Münchner Räte-Republik. In der Britzer Dörchläuchtingstraße findet Mühsam für wenige Jahre ein Heim, er, der den eigenen Komfort stets vernachlässigt. Hier wird er, gleich nach dem Reichstagsbrand, verhaftet. "Wochenlang hatten wir schon Drohungen sowie Warnungen erhalten. Fast jeden Tag kamen anonyme Briefe, die Mühsam den Tod androhten, und Telefonanrufe, die ihm sein baldiges Ende voraussagten" Nach jahrelangem erfolglosen Warnen, und mit seinen Hafterfahrungen war für ihn klar: "Ich denke nicht daran, mich wieder einsperren zu lassen und dadurch zur Passivität in einem Moment verurteilt zu sein, wo die deutsche Arbeiterschaft kampflos vor dem Faschismus zurückweicht. Ich gehe ins Ausland; von dort werde ich zur internationalen Solidarität aufrütteln. Ich will aktiv bleiben." Mühsam hat Schwierigkeiten, das Geld für die Reise zusammenzubringen.
Endlich, am 27.2. ist es soweit, zumindest eine Fahrkarte nach Prag kann gekauft werden, die Koffer stehen gepackt - da wird Erich Mühsam verhaftet. Er verabschiedet sich: "Liebe Zenzl, es spitzt sich alles zu, diesmal wird es noch bitterer werden als das erste und zweite Mal". Die Faschisten setzen gerade ihm, dem "Juden" und "Novemberverbrecher" besonders zu, dem "Geiselmörder von München" . Zunächst im Gefängnis in der Lehrter Straße, wird er nach sechs Wochen in das KZ Sonnenburg abtransportiert. Kreszentia sieht ihren Mann von Folter gezeichnet. Anfang Juni wird er für drei Monate nach Plötzensee verlegt, die Bedingungen lockern sich, er darf an einem Manuskript arbeiten, es soll ein satirischer Roman werden 'Mann des Volkes'. Anfang September wird Mühsam in das Zuchthaus Brandenburg gebracht. Bis zur Auflösung des schon lange baufälligen Zuchthauses hat Mühsam hier alle erdenklichen körperlichen und psychischen Mißhandlungen zu erdulden, er ahnt sein Ende. Anfang Februar 1934 wird er nach fast einem Jahr Haft in das KZ Oranienburg gebracht. Auch hier wird er gequält, doch zweimal werden Auslandskommissionen herumgeführt, da dürfen die Häftlinge keine sichtbaren Folterspuren aufweisen. Am 30. Juni 1934, nach der Ermordung General Schleichers und Röhms, werden die SA-Wachmannschaften entwaffnet und eine württembergische SS-Einheit übernimmt das KZ. Zehn Tage später wird Erich Mühsam ermordet.
Werkauswahl:
Die Wüste. Gedichte (1904); Der Krater. Gedichte (1909); Brennende Erde (1920); Revolution (1925); Die Hochstapler. Lustspiel 1906; Die Freivermählten. Stück (1914); Judas. Arbeiterdrama (1921); Staatsräson (1928); Die Eigenen. Roman (1903) Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat (1932); Anarchismus und Revolution (1920); Die Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus. Schrift gegen die Parteidiktatur (1922); Von Eisner bis Levinè (1920) Literatur: Erich Mühsam: 'Selbstbiographie'. 1919, wiederveröffentlicht in: Europäische Ideen, Heft 5/6, Berlin 1974; Erich Mühsam: unpolitische Erinnerungen, Klaus Guhl Verlag Berlin, 1977; Erich Mühsam: Briefe an Zeitgenossen, eingel. u. hrsg. von G.W.Jungblut, Klaus Guhl Verlag Berlin, 1978; Kreszentia Mühsam: Der Leidensweg Erich Mühsams, Zürich/Paris 1935; Reprint: Harald-Kater-Verlag, Berlin 1994; Paul Mühsam: Erinnerungen an Erich Mühsam, 1957 masch, Materialien aus dem Nachlaß Erich Mühsams, Akademie der Künste der DDR; Zofia Marchlewska: Eine Welle im Meer. Erinnerungen an Heinrich Vogeler und Zeitgenossen. Berlin (Ost) 1968
Grabstätte Mühsam
Heidrun Reuter
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