Abschied von Hermann Sudermann
Am 2. Dezember des Jahres 1912 berichtete das Wilmersdorfer Lokaljournal "Grunewald-Echo" vom tränenreichen letzten Geleit für den einstigen 'Premierentiger mit dem langen Schönbart':
"Es schien. als ob der Himmel weinte, da man am Montag mittag auf dem Grunewalder Friedhof zu Grabe trug, was sterblich war an Hermann Sudermann. Mit stürmischer Gewalt setzten um 11 Uhr Regengüsse ein, während Männer und Frauen aller Stände und Berufe durch den dichten Kordon von Privatautomobilen und Autodroschken drängten, um zu der kleinen Friedhofskapelle in der Bornstedter Str. zu gelangen. So geregelt der Verkehr von der Halenseer bis zum Friedhofe durch ein großes Aufgebot von Schutzpolizei war, so sehr versagte er auf dem Friedhof selbst. ;
Es waren geradezu peinliche, ja widerwärtige Szenen, die sich vorm Eingang und selbst vor der Friedhofskapelle abspielten. Die Bannerträger der zehn ostpreußischen und memelländischen Verbände hatten bis auf zwei keine Möglichkeit, mit ihren Fahnen und Standarten, sich einen Weg in die Halle zu bahnen. Dem Berliner Oberbürgermeister Böß war es nur mit Mühe und Not geglückt, sich durch das Gedränge zu winden, sein Kranz mit der seidenen Schleife und dem Inspruch der Stadt Berlin mußte aber auf dem nassen Boden das gleiche Schicksal mit vielen anderen vor der Kapelle niedergelegten Kränzen teilen, halb zertrampelt zu werden.
Der preußische Kultusminister Dr. Becker gab es nach langen, vergeblichen Versuchen auf, in der Kapelle Einlaß zu finden und gar an den Sarg zu gelangen, um an der Bahre eines der größten deutschen Dichter zu sprechen. Das Gedränge innerhalb der Kapelle und vor deren Eingang spottete jeder Beschreibung, man hatte verabsäumt, Vorkehrungen zu treffen, um die unerhörten Vorgänge zu vermeiden, und es herrschte allgemeiner Unwille über diese Unterlassung, die entweder der Friedhofsverwaltung oder aber dem Beerdigungsinstitut zugeschrieben wurde.
Das Bedauerlichste blieb jedoch, daß es länger als eine Viertelstunde dauerte, bis es zu dem für 12 Uhr mittags angesetzten Beginn der Trauerfeier den nächsten Angehörigen Hermann Sudermanns, seinem Schwiegersohn Major Frentz-Sudermann und dessen Gattin, seiner Stiefochter Hede, ferner seinem Stiefsohn Rolf Lauckner und dessen Gattin, sowie der Tochter des Verstorbenen gelang, durch die festgepferchten Menschen bis zum Sarge vorzudringen, wo ihnen vom Beerdigungsinstitut Sitzplätze reserviert worden waren. Immerhin muß es als ein Glück betrachtet werden, daß die große Masse des Publikums, daß dem Dichter zu Hunderttausenden, ja Millionen zugejubelt hat, der in klar verständlicher Sprache schon vor Jahrzehnten soziale und menschliche Probleme zu entwirren verstand, nicht noch zahlreicher erschienen war, denn sonst hätte es leicht zu einer Katastrophe kommen können. "
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