Berliner Lokalnachrichten
Hermann Sudermann als Skulpturensammler
Oft sind es 'die kleinen Nachrichten am Rande', die Zeitgeschichte schreiben. So berichtete das Wilmersdorfer Lokaljournal in seiner Ausgabe vom 2. September über die Sammelleidenschaft des Schriftstellers Hermann Sudermann und seine diesbezüglichen Auseinandersetzungen mit der Stadt Potsdam.Die Figur der Flora im Park von Schloß Blankensee "Anschauliches für Sammlerherzen" "Vor einigen Jahrzehnten legte man leider in Potsdam auf die Erhaltung historischer Fassaden sehr geringen Wert. Schadhaft gewordene Steinfiguren wurden von den Dachgesimsen einfach abgeräumt, Fronten wurden ausgebrochen und im 'Holländischen Viertel' verschwanden wunderbare Türbekrönungen aus Eichenholz.Eines Tages fiel eine der schönen Steinfiguren vom Dachgesims des Eckhauses Brauerstr. und Alter Markt herab und zerschlug einer nicht schlecht erschreckenden Marktfrau ihre Eierkiepe. Nun untersuchte die Baupolizei die noch auf ihrem Gesims stehenden 'Puppen' und dekretierte, daß sie, weil 'baufällig', abzuräumen seien. Erst wollte man diese wenig bekleideten Figuren im Krankenhausgarten zur Ausstellung bringen; aber die damalige Oberin verbat es sich empört, daß man die 'Sittlichkeit' ihrer Pflegebefohlenen 'gefährden' wollte. Schließlich erstand ein Althändler für ein paar Mark die Bildwerke, besserte sie aus und bot sie zum Weiterverkauf an. So kamen sie schließlich in die Hände Hermann Sudermanns, der seinen Park in Blankensee, wo der Dichter im Sommer zumeist wohnte, damit schmückte.
Heute, da man schon mehr Verständnis für derartige Dinge aufbringt, empfindet man es in Potsdam natürlich bitter, daß der bildhauerische Schmuck in Privatbesitz übergegangen ist. Potsdam ist an Hermann Sudermann herangetreten, die Figuren in Gips abformen zu dürfen. Aber auch das will Sudermann nicht gestatten, weil er, nicht ganz zu Unrecht, befürchtet, daß seine Figuren bei der Abformung beschädigt werden könnten. Aber hier sind die Verhandlungen noch nicht ganz abgeschnitten. Die Stadt Potsdam möchte nach den Gipsabgüssen neue Steinarbeiten anfertigen lassen."
Bei den Figuren handelte es sich um Vertumnus, den Gott der Jahreszeiten, Flora, die Göttin der Blumen und des Getreides, und Permona, die Göttin der Früchte, welche der Bildhauer Johann Peter Benckert 1750 für den Giebel des Knobelsdorffhauses in Potsdam modelliert hatte. 1927 stellte die Stadt Potsdam Kopien aus Kunststein auf. 1965 wurde das im Krieg zerstörte Gebäude wieder aufgebaut, die Hermann Sudermann-Stiftung gab die Figuren frei. Leider erwiesen sie sich infolge ihres schlechten Zustands als schwer transportfähig. Nur Flora kam unversehrt in Potsdam an, Pomona zerbrach beim Transport und mußte durch eine Kopie ersetzt werden, Vertumnus blieb dem Park in Blankensee als Original erhalten.
(Ulrike Peters-Kania)
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