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Alter St. Matthäus Kirchhof

10829 Berlin-Schöneberg
Großgörschenstraße 12

1856 angelegt und eingeweiht, gehört der Alte St.-Matthäus-Kirchhof zu der im südlichen Tiergartenviertel angesiedelten evangelischen St.-Matthäus-Gemeinde. Dieses Quartier nannte man Ende des 19. Jahrhunderts das "Geheimratsviertel". Das Berliner Großbürgertum bezog hier seine vornehmen Stadthäuser und Villen. Die Zerstörungen des Krieges haben von diesem Glanz nicht viel übrig gelassen. Heute ist die St. Matthäus-Gemeinde mit etwa 1000 Mitgliedern eine der kleinsten von Berlin. Die Gründung des Matthäus-Kirchhofs fiel in eine Phase, wo der Friedhofskult des 19.Jahrhunderts seinem Höhepunkt zustrebte. Wer es im Leben zu etwas gebracht hatte, sicherte sich in aufwendigen Erbbegräbnissen ein Stück Unsterblichkeit. Reiche Kaufleute, Fabrikanten, aber auch Wissenschaftler und Künstler sind auf St. Matthäus begraben.

Wie kein anderer repräsentiert dieser Friedhof das Berlin der Gründerzeit. Zur Zeit seiner Einweihung lag der Friedhof noch weit außerhalb der Stadt: Der Fußweg vom Tiergartenviertel dauerte eine halbe Stunde. Das Gelände hatte man zu einem günstigen Preis erstanden, denn wegen der unmittelbaren Nähe der Eisenbahnlinien war das Areal als Wohngebiet nicht gut zu nutzen. Um so beliebter wurde es als Friedhof - nicht zuletzt wegen der schönen Hanglage. Doch auch die glanzvollen Grabanlagen mögen zu seiner Attraktivität beigetragen haben. Bereits in den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens wuchs die Anzahl der Gräber so stark, daß der Friedhof dreimal vergrößert werden mußte. Darauf verdoppelte man die Grabgebühren für alle Bestatteten, die nicht der Matthäus-Gemeinde angehörten - ein Abschreckungsversuch, der allerdings wenig Wirkung zeigte. So rang man sich 1890 zu der Entscheidung durch, keine gemeindefremden Personen mehr anzunehmen. Bei der geringen Mitgliederzahl der St.-Matthäus-Gemeinde hat sich heute diese Regelung erübrigt. Doch auch der Trend zur anonymen und zur Urnenbestattung macht in unseren Tagen Sperrungsmaßnahmen überflüssig, da diese Bestattungsformen nur wenig Platz beanspruchen.

Die erste Friedhofskapelle des St.-Matthäuskirchhofs, 1876 erbaut, wurde 1906/09 durch eine größere Friedhofshalle ersetzt. Es war dann die natinalsozialistische Bauplanung, die nicht nur in die Substanz des Tiergartenviertels, sondern auch in den Alten St.-Matthäus-Kirchhof verheerend eingegriff. Hitlers Architekt Albert Speer plante im Rahmen der "Neugestaltung der Reichshauptstadt Berlin" eine 120 Meter lange Nord-Süd-Achse. Ihr fiel 1938/39 das nördliche Drittel des Kirchhofs zum Opfer. Die Gräber wurden eingeebnet und nach dem Süd-West-Kirchhof in Stahnsdorf verlegt. Für 1941 war die völlige Aufhebung des Friedhofs geplant. Auf seinem Terrain sollte ein monumentaler Südbahnhof entstehen. Daß der Plan nicht mehr ausgeführt werden konnte, ist - paradoxerweise - dem Verlauf des Krieges zu verdanken.

Bernd Tönnies

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