Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
geb. 21.11.1768 (Breslau)
gest. 12.02.1834 ( Berlin)
Philosoph, Theologe, Pfarrer
Ehrengrab
Dreifaltigkeits-Friedhof II. B-OA-118
Schleiermachers Vater war ein reformierter Feldprediger, der dem Pietismus zuneigte. So übergab er seine Kinder den Herrnhutern zur Erziehung: Nach der Schule in Barby besuchte Schleiermacher das theologische Seminar der Brüdergemeine in Niesky. Die dort geübte Gefühlsfrömmigkeit entsprachseiner "mystischen Anlage", die er sein Leben lang gegen alle skeptischen Anfechtungen bewahrte. Dennoch öffnete sich der Student bald den theologischen und philosophischen Auseinandersetzungen der Aufklärung, was ihn in immer schärferen Gegensatz zur geistigen Enge der Herrnhuter Hochschule brachte. Nach schweren inneren Kämpfen, die zu einem zeitweiligen Zerwürfnis mit seinem Vater führten, löste er sich von der Gemeinde und studierte 1787-89 Theologie in Halle. Es folgten Hofmeister- und Predigerstellen, die ihm Zeit ließen, seine Auseinandersetzung mit Spinoza und Kant zu vertiefen. 1796 kam er als Prediger an die Charité nach Berlin.
Mit dieser ersten Berliner Periode (1796-1802) begannen Schleiermachers romantische Jahre. Er fand Zugang zum Salon der Henriette Herz, wo er die Humboldts, die Brüder Schlegel, Rahel Varnhagen und Dorothea Veit kennenlernte. Innerhalb der geselligen Kultur der Salons bildete Schleiermachers Freundschaftsbund mit Henriette Herz eine intime Sezession - für den jungen Theologen die menschliche Mitte dieses Lebensabschnitts. Kaum geringeres Gewicht besaß daneben die Freundschaft zu Friedrich Schlegel, mit dem er in den Jahren 1786/87 sogar seine Berliner Wohnung teilte. Schleiermachers schriftstellerische Produktion dieser Jahre war eng in den persönlichen Dialog mit Henriette Herz und Schlegel verwoben. So entsprach es der romantischen Idee des "Symphilosophierens", für die die individuelle Autorschaft zweitrangig war. Anonym erschienen daher Schleiermachers Beiträge zum "Athenäum" der Brüder Schlegel ebenso wie seine "Reden über die Religion" (1789), durch die er sich als einer der führenden Köpfe im Kreis der Frühromantiker auswies.
Schleiermachers unorthodoxe Schriftstellerei, dazu sein Verkehr mit den "jüdischen Damen" der Salons erregten das Mißtrauen der Kirchenbehörde. So drängte man ihn, 1802 eine Hofpredigerstelle im Pommerschen Stolp anzunehmen. Hier begann er mit seiner Platon-Übersetzung, ein noch mit Schlegel verabredetes Unternehmen, das eine seiner großen Lebensleistungen werden sollte. Der befreundete Georg Reimer übernahm den Verlag.
1804 wurde Schleiermacher als außerordentlicher Professor und Universitätsprediger an die Universität Halle berufen. Gemeinsame Vorstellungen in Philosophie und Universitätspolitik verbanden ihn hier mit Heinrich Steffens, einem Naturforscher und Philosophen der Schellingschen Richtung. Als 1806 napoleonische Truppen Halle besetzten, wurde die Hochschule geschlossen. Darauf siedelte Schleiermacher 1807 nach Berlin über.
Zurück in Berlin, suchte Schleiermacher die Nähe zu den preußischen Reformern. Mit Stein, Gneisenau und Georg Reimer trat er in konspirative Unternehmungen ein, welche auf den Volksaufstand gegen Napoleon und die Liberalisierung des preußischen Staates hinarbeiteten. 1810 wurde Schleiermacher zum Professor der Theologie an der neuen Berliner Universität ernannt und erster Dekan der theologischen Fakultät; seit 1810 war er auch Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Neben Lehre und Forschung engagierte er sich tatkäftig in der Politik: für die Neuorganisation von Schule und Universität. Er prägte wesentlich die preußische Bildungsreform, die freilich nach dem Ende des Befreiungskrieges 1813 von der reaktionären staalichen Politik gestoppt wurde. Schleiermacher galt nun als Revolutionär und sah sich polizeilichen Bespitzelungen und Verhören ausgesetzt. 1815 drängte man ihn aus dem Unterrichtsdepartment, 1823/24 erwog man gar seine Entlassung als Hochschullehrer. Zu dieser Zeit war er noch dazu in schwere kirchenpolitische Konflikte verwickelt. 1817 verfügte Friedrich Wilhelm III. die Union der lutherischen und reformierten Kirche. Schleiermacher begrüßte dies, verwarf aber die vom König selbst bearbeitete Agende. Sein fanatischer Gegenspieler war der Hegelsch¸ler Philipp Konrad Marheineke, der die absolute Fürstengewalt über die Kirche verteidigte. Ganz anders Schleiermacher. Ebenso wie das Bildungs- und Erziehungswesen wollte er auch die Kirche freihalten von staatlicher Einmischung und Bevormundung - Ziele, die im 19. Jahrhundert noch nicht durchzusetzen waren.
Neben seinen gelehrten Tätigkeiten, dem politischen und kirchenpolitlischen Verpflichtungen stand Schleiermacher regelmäßig auf der Kanzel der Dreifaltigkeitskirche in Berlin. 1809 übernahm er diese Predigerstelle und versah seitdem auch die üblichen Amtsgeschäfte eines Pfarrers wie Predigen, Religionslehre, Seelsorge und Armenpflege. Im selben Jahr heiratete er die Witwe eines Freundes, Henriette von Willich, mit der er vier Kinder hatte. Ihr Haus an der Ecke Taubenstraße/Kanonierstraße war der Ort eines intensiv gepflegten geselligen Lebens.
Was Schleiermachers vielverzweigtem Arbeitsleben die einheitliche Richtung gab, war die Idee der individuellen Bildung. Jedes Einzelwesen respektierte er als einen unverwechselbaren Spiegel des göttlichen Alls. Aus diesem Pantheismus erwuchs eine neue Toleranz, die Schleiermacher als streitbarer Liberaler verfocht. Gegen seinen großen Antipoden Hegel, der Wissenschaft, Religion, Philosophie, Moral und Politik spekulativ vereinheitlichte, verteidigte Schleiermacher die Differenzierung der Kultur als Fortschritt. Sein Denken war stets in Bewegung, stets im Gespräch - daher auch wie kaum ein zweites seiner Epoche menschennah und lebensverbunden.
Am 12. Februar 1834 starb Schleiermacher in Berlin an einer Lungenentzündung. Bei seiner Beisetzung auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof füllte die Straßen ein Trauerzug von zwanzig- bis dreißigtausend Menschen - quer durch alle soziale Schichten und Generationen.
Schleiermachers Schriften haben die theologische Diskussion des 19. und 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt. Nicht weniger bedeutend ist ihr Einfluß auf die Selbstbegründung der Geisteswissenschaften, die philosophische Hermeneutik und die Sprachphilosophie.
ausgewählte Werke:
(Bernd Thönges)
- Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799). Hrsg. v. Hans-Joachim Rothert. Hamburg 1958;
- Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. (1821-22). Hrsg. v. Martin Redeker. 2 Bde. Berlin 1960;
- Hermeneutik. Nach den Handschriften neu hrsg. von Heinz Kimmerle. Heidelberg 1959;
- Die Weihnachtsfeier. Ein Gespräch. Hrsg. von Georg Wehrung. Darmstadt 1953
Intime Sezession Das Liebesbündnis des christlichen Theologen und der schönen Jüdin war ein Affront gegen die gesellschaftliche Konvention. Erotisches Begehren war nach Bekunden beider Partner nicht im Spiel - wahrscheinlich die Voraussetzung dafür, daß diese Beziehung Schleiermachers Ideal einer "moralischen Geselligkeit" erfüllen konnte: ein freier Austausch zwischen gleichberechtigten Individuen. Besonderes Medium dafür war der Briefwechsel, wo sich der Dialog der beiden dem Beichtverhältnis annäherte. Der Berliner Klatsch fand an dieser ungewöhnlichen Freundschaft reichlich Nahrung. Eine Karikatur gelangte in Umlauf, die Schleiermacher als Knicker zeigte, den Henriette Herz in der Hand trug.
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"Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern" - so lautet der vollständige Titel dieser wohl populärsten Schrift des romantischen Theologen. In schwungvoller poetischer Prosa verteidigt hier Schleiermacher das Eigenrecht des religiösen Glaubens gegen die Beschränktheit des aufklärerischen Rationalismus. Die Religion dürfe weder mit dem metaphysischen Denken noch mit dem moralischen Handeln vermengt werden; statt dessen rege sich in ihr der "Sinn und Geschmack für das Unendliche". Damit nähert Schleiermacher die Religion der romantischen Bildungsidee an. Er löst die Religion aus Stiftung, Kult und Dogma und begründet sie im dialogischen Wesen des Menschen. Die ideale Kirche denkt sich Schleiermacher weitgehend enthierarchisiert und entinstitutionalisiert: eine Gemeinschaft nach dem Vorbild der enthusiastischen Geselligkeit der Frühromantiker.
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Neuorganisation von Schule und Universität Seit seiner Rückkehr nach Berlin beteiligte sich Schleiermacher als einer der maßgeblichen Gutachter an der Neugründung der Berliner Universität. Gegen Fichte machte er sich zum Anwalt einer reformierten Universität mit weitgehender Selbständigkeit gegenüber dem Staat. Innerer Garant dieser Autonomie war für Schleiermacher die philosophische Fakultät, die gegenüber den Spezialdisziplinen die Ganzheit des Wissens und die Zweckfreiheit der Bildung verkörperte. Humboldt rief ihn 1810 an das Unterrichtsministerium, wo er an der Reform des preußischen Schulwesens mitarbeitete. Hier kämpfte er mit praktischem Realismus für ein neuhumanistisches Bildungskonzept. Auch an den Schulen wollte er die Autonomie der Bildung gegen das Erziehungsmonopol des Staates stärken.
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Schleiermachers Berliner Predigten wurden bald zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Sein universeller Individualismus wandte sich gegen das Systemdenken ebenso wie gegen die Festlegung des immer neuen Geistes im alten Buchstaben und Dogma. Daher auch die eminente Bedeutung, die für Schleiermacher die lebendige Rede von Katheder und Kanzel hatte. Durch den dialektisch kunstvollen Aufbau seiner Predigten ließ er die Hörer am Zustandekommmen seiner Gedanken teilnehmen. Der mitreißende Rhetoriker Schleiermacher wirkte nicht allein als Pfarrer, sondern auch als Patriot auf die nationale Bildung seiner Zeit.
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