Bethel Henry Strousberg
Spekulant oder Gründergenie?
Zu den seltsamen Geschäften des Bethel Henry Strousberg,
Doktor der Philosophischen Fakultät der Universität Jena,
genannt der Eisenbahnkönig
Grab auf dem St. Matthäus-Friedhof Schöneberg
War er nun der rücksichtslose Spekulant, der die Gelder seiner Obligationszeichner verjubelte, wie es einer seiner Kritiker, der Abgeordnete Eduard Lasker, in seinen berühmt gewordenen Reden im Preußischen Landtag von 1873 kritisierte, oder war er ein Unternehmer von europäischem Rang, dessen Leistungen für Europa, Deutschland und speziell Berlin gar nicht zu überschätzen seien, wie es der Hüttendirektor Dipl. Ing. Gottfried Reitböck aus Völklingen a. d. Saar in einem Aufsatz von 1924 darlegte?
Der nationalliberale Abgeordnete Lasker hatte mit seiner Ansprache wenige Monate vor dem großen Gründerkrach eine Attacke gegen Auswüchse des Gründerwesens gerichtet und dabei enthüllt, daß Eisenbahnkonzessionäre sich schamlos bereichert hatten, indem sie Gesetze mißachteten, Steuern hinterzogen, falsche Kalkulationen vorlegten, schlechte und überteuerte Bauausführungen betrieben und sich mit dem System des Generalauftragnehmers aus der Verantwortung stahlen. Das traf in vielen Punkten zielsicher auf die Aktivitäten von Bethel Henry Strousberg zu, der sich denn auch sichtbar getroffen zeigte.
Begonnen hatte Bethel Henry Strousberg die spannende Karriere als zwölfjähriger Junge Barthel Heinrich Strausberg, aus einem jüdischen Elternhaus stammend, im ostpreußischen
Neidenburg geboren, in der Industrie - und Handelsmetropole London, wohin der elternlos gewordene Knabe ging, um im Exportgeschäft seiner Onkel Gottheimer in die Lehre zu gehen. Dort, wo er auch seinen Namen anglisierte und zum Christentum übertrat, studierte er offensichtlich sehr erfolgreich die englische Finanz-Banken- und Versicherungswelt, sammelte als Journalist Kenntnisse des englischen Parlamentarismus und der Börse und erwarb als Herausgeber zweier Zeitschriften ein erstes kleines Vermögen, das er durch einen einjährigen USA-Aufenthalt noch vermehren konnte. So mit Erfahrungen ausgestattet, ging er 1855 mit seiner Familie nach Berlin.
Laskers Rede hatte durchschlagenden Erfolg, obwohl viele seiner Zeitgenossen wußten, daß hunderte Prominente durch Mißbräuche am Eisenbahngeschäft verdienten. Zudem war es die widersprüchliche Eisenbahnpolitik in Bismarcks Regierung, die betrügerische Gründungen geradezu begünstigte.
Befürworter von Strousbergs Unternehmungen, wie Reitböck, verweisen dagegen auf die revolutionierende Bedeutung der Eisenbahn für die wirtschaftliche Entwicklung, ihre buchstäblich bahnbrechende Rolle im Prozeß des technischen Fortschritts und darauf, daß für derartig gewaltige Aufgaben in Preußen und später in Deutschland zu wenig Kapital zur Verfügung stand. So konnten beispielsweise die beiden Strousbergschen Linien von Insterburg nach Tilsit und die Ostpreußische Südbahn nur mit Hilfe englischen Kapitals erbaut werden, weil Gelder aus dem eigenen Land nur zu einem Drittel zu mobilisieren waren. Diese Kapitalknappheit war es, die immer wieder interessierte Konzessionsgruppen an Strousberg herantreten ließen und ihn förmlich baten, sich ihrer Sache anzunehmen. So mußte auch ein ausgesprochener Förderer des Eisenbahnbaus, wie der Handelsminister Freiherr August von der Heydt, der 14 Jahre als Minister tätig war, sein Fernziel, eine umfassende Staatsbahn, zurückstellen, weil er einsah, daß dies unter den herrschenden Bedingungen nicht zu realisieren war.
Strousberg gelang es, diese Hindernisse durch Ideen und Tatkraft zu überwinden. Er bündelte verschiedene Interessen, indem er Eisenbahnbau-Gesellschaften gründete und als Aushängeschild bedeutende und wohlhabende Adelige wie Fürst Pückler auf Branitz oder den Fürsten zu Lynar für die Berlin-Görlitzer Eisenbahnlinie oder bei der berüchtigten rumänischen Bahn mit den Herzögen von Ujest und von Ratibor und dem Grafen von Lehndorff gewann. In der Regel stellten diese Herrschaften nur ihren Namen zur Verfügung und wurden dafür von Strousberg fürstlich entlohnt. Diese Namen sorgten im autoritätsgläubigen Preußen für Vertrauen in das Projekt, ließen damit Gelder zahlreicher Anleger fließen und halfen bei der Konzessionsbewilligung durch den Staat.
Mit dem von Strousberg eingeführten Instrument des Generalunternehmers, das er später auch selbst erfolgreich praktizierte, sorgte er nicht nur für eine noch heute gehandhabte Managementmethode, sondern er überwand damit Finanzengpässe, da der Generalunternehmer überwiegend mit Aktien der Eisenbahngesellschaft, für deren Bau er zuständig war, bezahlt wurde.
Hohe und verbindlich garantierte Zinsen für die Obligationsanleger bewirkten einen kräftigen Kapitalfluß, da die Anleihe scheinbar risikolos war, und führte zugleich zu einem ungeheuren Tempo beim Bau der Bahnen, um die jeweils fällige halbjährliche Zinszahlung möglichst schnell aus den Einnahmen der Bahn bezahlen zu können.
Mit dem Bau von Linien, wie der von Berlin nach Görlitz über Cottbus, wurden nicht nur ganze Regionen agrarisch und industriell erschlossen, sondern zugleich auch der Weg Berlins von der wenig bedeutenden Residenzstadt zur Weltmetropole verkürzt. Zu den vielfältigen Unternehmungen Strousbergs, die Berlins Stellung stärkten, gehörten zum Beispiel der Bau des großen Görlitzer Bahnhofs, ein Schlachthaus- und Viehmarktkomplex an der Weddinger Brunnenstraße, die, wie sein Palais in der Wilhelmstraße, von dem bekannten Architekten August Orth projektiert wurden, und die erste Zentralmarkthalle der Stadt an der Friedrichstraße Ecke Schifferbauerdamm, für das gar als Baumeister Georg Heinrich Friedrich Hitzig verantwortlich war. Markthalle wie Schlachthaus hatte seit langem aus hygienischen Gründen der Mediziner Rudolf Virchow als Stadtverordneter vergeblich gefordert.
Auch bei der Lösung der sozialen Frage handelte Strousberg weitsichtig: so verkürzte er in seinen Fabriken die tägliche Arbeitszeit von zwölf auf zehn Stunden, ohne den Lohn zu kürzen, ließ in Hannover-Linden eine Wohnstadt für seine Arbeiter bauen, errichtete Kantinen und den ersten Betriebskindergarten. Mit vielen seiner Unternehmungen war er seiner Zeit oft so weit voraus, daß sie fast notwendig am Unverständnis und der Enge der Verhältnisse scheitern mußten.
(Manfred Nillius)
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