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Wilhelm Heinrich Wackenroder

geb. 13.7.1773 Berlin
gest. 13.2.1798 Berlin
Dichter

Friedhof der Jerusalemer und Neuen Kirche I, Mehringdamm Abt. A (Grab nicht mehr vorhanden)

Kunsterleben als Kunstandacht

Wackenroder war der Sohn eines Geheimen Kriegsrats und Justizbürgermeisters, von dem er streng und unnachgiebig erzogen wurde. Vom damals üblichen Unterricht durch einen Hauslehrer kam der junge Wackenroder auf das Friedrichs-Werdersche-Gymnasium unter Leitung von Gedike. Dort lernte er schon in der zweiten Klasse Ludwig Tieck kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte.

Wackenroders musikalische Begabung erhielt ihre Ausbildung unter der Anleitung des Cembalisten am Königshof Carl Friedrich Christian Fasch und im Umgang mit dem Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt (1752 bis 1814) sowie Carl Friedrich Zelter (1758 bis 1832).

1792 trennten sich vorübergehend die Wege der Freunde, Tieck ging zum Studium der Theologie und Philologie nach Halle, wechselte aber bald nach Göttingen. Wackenroder, vom Vater zur juristischen Laufbahn bestimmt, fügte sich in das scheinbar Unvermeidliche, blieb in Berlin und absolvierte ein Vorbereitungsjahr für das bevorstehende Jurastudium. Insgeheim las und hörte er Vorlesungen bei Erduin Julius Koch über Deutsche Literatur. Das waren damals Altdeutsche Texte wie beispielsweise Altnordische Sagen, höfische Epen wie Hartmann von Aues Der arme Heinrich und Wolfram von Eschenbachs Parzival, Minnesang und wohl auch das Nibelungenlied, das von 1757 bis 1784 in verschiedenen Übertragungen herausgekommen war.

Angefüllt mit den Anschauungen vergangenen Lebens und Denkens, hingebungsvoll in der Freundschaft mit Tieck, bis zur Anbetung des Geliebten, steigerte in Wackenroder die ursprüngliche Abneigung gegen den vom Vater ausersehenen rechspflegerischen Beruf zur Abscheu. Wackenroders Lebenscredo "Denn an sich sehe ich nicht ein, warum es nicht möglich sein sollte, bei allen Dingen unter der Sonne, unter gewissen Umständen, etwas zu empfinden" (zit. nach Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 40. S. 445) vertrug sich von vornherein nicht mit den prosaischen Aufgaben eines rationalen Berufes.

Doch Wackenroders Vater hatte zum Studium für seinen Sohn schon die Erlanger Landesuniversität ausersehen, die mit Ansbach und Bayreuth an Preußen gekommen war. Wackenroder, unfähig sich dagegen aufzulehnen und eigene Wege zu gehen, wurde von Tieck dorthin begleitet, der entschlossen war, den Freund nicht zu verlassen. Während ihrer gemeinsamen Reise auf Schusters Rappen von Berlin nach Erlangen erlebten sie, von Natureindrücken berauscht, den geselligen Umgang in den Städten Jena und Weimar; zwar trafen sie den Nationalpoeten Schiller nicht an, dafür aber den Goethe-Gegner Karl Reinhold. In Erfurt besichtigten sie zum ersten Mal ein Kloster.

Neben dem Jura-Studium in Erlangen besuchten die Freunde die umliegenden von der Historie zeugenden Städte Nürnberg, Bayreuth, Bamberg, Pommersfelden, Ansbach. Besonders Nürnberg, die Stadt Albrecht Dürers und Hans Sachs', hatte es Wackenroder angetan. Ihr Kunstreichtum, umgeben und wie bewacht von den mittelalterlichen Gemäuern, inspirierte Wackenroder. Legendär wurde eine Pfingstreise, die beide 1793 in das Fichtelgebirge unternahmen. Die Kunsteindrücke mischten sich mit den Ansichten der Natur.

Mit dem Wechsel an die Universität Göttingen verlegte sich Wackenroder mehr und mehr auf das Literatur-Studium, arbeitete seinem früheren Lehrer Koch für dessen Compendium der deutschen Litteratur zu und schrieb einen Aufsatz über Hans Sachs, der erst 1836 veröffentlicht werden sollte. Auch in der Musik ließ Wackenroder nicht nach, sich zu weiterzubilden, er spielte Klavier und komponierte. Ein gemeinsamer Plan, in Rom als Künstler zu leben, Tieck als Dichter, Wackenroder als Musiker, scheiterte an den realen Verhältnissen. Wackenroder sollte zurück nach Berlin. Die Reise ging über Braunschweig und Hamburg, wo die Freunde den Dichter Klopstock besuchten.

Im Herbst 1794 begann Wackenroder in Berlin seinen juristischen Dienst als Kammergerichtsassessor, daneben verfaßte er eine Reihe von Aufsätzen über die Kunst. Auf einer Reise nach Dresden zeigte er sie dem Freund, der sogleich eine Weiterleitung veranlaßte. So nahm Johann Friedrich Reichardt Wackenroders Text Ehrengedächtniß unseres ehrwürdigen Ahnherrn Albrecht Dürers in sein Journal Deutschland auf. Von ihm stammt auch der Titel Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders - in Anlehnung an die Gestalt eines Klosterbruders in Lessings Nathan der Weise. Diese erste Sammlung der Texte Wackenroders erschien 1797 anonym. Tieck hatte dazu ein Wort und einige kleinere Stücke beigesteuert. Wackenroder selbst war wohl von seiner Berufung zur Kunst mehr als überzeugt, doch erreichte Tieck, der bei Wackenroders Vater Fürsprache hielt, nicht sein Ziel, den Freund aus dem Joch der juristischen Rotation befreien zu helfen.

Wackenroders ausgeprägte Empfindsamkeit, die auch in seinen Schriften beständig zum Ausdruck kommt, versetzte ihn in den größten Zwiespalt zum äußeren Leben. Unfähig, sich gegen den Vater zur Wehr zu setzen, und unglücklich darüber, sein Leben nicht ganz und gar der Kunst widmen zu können, sah er keinen Ausweg. Der innere Konflikt zehrte an seinen Kräften, er wurde krank, und ein heftiges Nervenfieber beendete sein Leben. In dem Das Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger überschriebenen Kapitel seines zu Lebzeiten erschienen Buches hat Wackenroder seine Lebensproblematik poetisch verdichtet.

Seine hinterlassenen Aufsätze gab Ludwig Tieck zusammen mit eigenen unter dem Titel Phantasien über die Kunst für die Freunde der Kunst 1799 heraus. Im Todesjahr Wackenroders erschien in memoriam als Denkmal ihrer Freundschaft, die Gemeinschaftsarbeit Franz Sternbalds Wanderungen und in dem Gedicht Der Traum gestaltete Tieck die Erinnerung an ihre unauslöschliche Liebe in der Freundschaft.

Werkauswahl:

  • Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders,
    Schr. 1797 (n. G. v. Wilpert 1988)

  • Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst, Schr. 1799 (n. Wilpert)

(Waltraut Schade)



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